Selbstorganisation in Kitas

Eine Einladung. Ein Plädoyer.

In Erinnerung an Henning Köhler, der uns im Kontext der Kindheitsforschung gezeigt hat, dass Verbundenheit und Freiheit, Poesie und Wissenschaft nicht im Widerspruch miteinander stehen müssen.

Auf der Suche nach einer Organisationsform, die mit unserem pädagogischen Ansatz übereinstimmt.

„Weil das Kleine von größter Bedeutung ist“, so lautet das Motto von unserem Naturkindergarten. Wir haben uns auf den Weg gemacht, und festgestellt, dass kooperatives Arbeiten in Selbstorganisation, zu unserem Selbstbewusstsein und unserer Verbundenheit beiträgt und daher auch von größter Bedeutung sein kann.

Wir träumen von Wegen die wir Schritt für Schritt, auf Augenhöhe, mit Herzenswärm gehen können.

Wenn Kinder Akteure ihrer Bildungs- und Entwicklungswege sind, wie es in dem frühkindlichen Diskurs zunehmend anerkannt wird, dann brauchen wir Organisationsformen, die zu diesem Ansatz passen. Wenn die Organisationsform den Selbstbestimmungs- und Kooperationsfähigkeiten der Kinder und der beteiligten Erwachsenen (Eltern, Fachkräfte,Leitung) einen ausreichenden Handlungsraum zur Verfügung stellt, ist sie Glück bringend.
Was die Organisationsformen in Kindergärten angeht, gibt es jedoch recht wenig Auswahl. Die Suche nach Kindergärten und Selbstorganisation im Netz bringt so gut wie keine Ergebnisse. Der Begriff ist eher im Kontext von Start-Ups und auch in der IT-branche bekannt. Im Schulbereich bedeutet es eher das (von Kindern) selbst-organisierte Lernen.

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Jelle van der Meulen

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Vor etwa fünfzehn Jahren schrieb und veröffentlichte ich ein Buch mit dem Titel: Herzwerk. Dieses Buch liegt mir noch immer sehr nah am Herzen, so sehr eben, dass ich öfters gedacht habe: Ich müsste es eigentlich komplett neu schreiben. Und so ist es auch: Würde ich heute ein Buch mit dem gleichen Titel schreiben, sähe es völlig anders aus.

Eine große Rolle dabei spielen meine alltäglichen (und auch allnächtlichen) Erfahrungen in Amares (http://www.amares-koeln.de/home.html).

Für Leser, die nicht wissen, was Amares ist, ein paar erklärende Sätze: Amares ist eine Initiative in Köln. Mit Freunden haben wir zwei Kindergärten gegründet, die wir verstehen als „Lebensorte für Menschen“. In Amares bewegen wir uns zwischen Natur und Kultur, wobei wir die Pädagogik versuchen im Sozialen lebendig zu integrieren. Amares ist in den letzten zehn Jahren für mich eine kleine-große Welt geworden, eine Art Okular, das eine Sicht auf das Leben als solchem bietet.

Herzwerk 2.0 wird kein Buch sein, sondern ein Blog und dazu ein Angebot. Vor allem Corona hat mich dazu eingeladen. Mir ist im letzten Jahr aufgefallen, wie stark sich durch den Lockdown (ich könnte irgendwie auch sagen: im relativen Exil) zwei vorher augenscheinlich getrennte Ebenen gegenseitig dringend suchen, als bräuchten sie einander. Die erste Ebene betrifft die großen und quasi abstrakten Fragen, die uns weltweit beschäftigen: Krankheit und Tod, Diskriminierung, Klimawandel, Armut, Krieg und Gewalt, Missbrauch … Diese Ebene, die uns manchmal machtlos macht, wird in gedruckten Medien und digitalen Portalen so oder so beschrieben.

Die zweite Ebene sieht eher persönlich und konkret aus. Sie hat irgendwie etwas unterirdisches, als dürfte oder eben mag sie nicht so recht ins Tageslicht treten. Sie hängt damit zusammen, was in unserem Alltag konkret geschieht, was wir erleben und empfinden, wie wir mit unseren Hoffnungen, Enttäuschungen, freudigen und traurigen Stimmungen, klaren und schwammigen Intentionen zurechtkommen. Diese Ebene, die in den Medien kaum beschrieben wird, macht uns manchmal ratlos.

Der Begriff Herzwerk stammt von Rainer Maria Rilke und ist zu verstehen als eine „Arbeit“, die die Kluft zwischen beiden genannten Ebenen versucht zu überbrücken. In einem Gedicht schrieb Rilke den Satz: „Werk des Gesichts ist getan, tue nun Herzwerk an den Bildern in Dir“. Wir haben also die Ereignisse um uns herum „gesehen“, nun geht es darum die Bilder zu verinnerlichen; und in der Verinnerlichung – was auch heißt, diese mit unserer Person verschmelzen zu lassen – findet laut Rilke die eigentliche Verwandlung sowohl unserer Persönlichkeit als auch der Gegebenheiten um uns herum statt.

Das klinkt sehr poetisch und das darf es auch. Warum sollte das Poetische nicht auch sozial und eben politisch sein? Warum sollte das delikate, zarte und manchmal auch verwirrende „Getue“ zwischen mir und mir, zwischen mir und Dir, zwischen uns und „denen“, zwischen uns und den großen Themen unbeachtet bleiben? Warum sollten wir nicht auf die Kraft der Freundschaft setzen, die (vielleicht noch fragile) Gemeinschaft, auf die Kraft unserer klaren oder vielleicht noch schwammigen Intentionen? Herzwerk bedeutet auch: das Große im Kleinen und das Kleine im Großen zu finden.

Ich meine im Sinne dieses Herzwerkes etwas beitragen zu wollen und zu können. Erstens heißt das, dass ich einmal in der Woche auf diesem Blog Herzwerk 2.0 einen Text veröffentlichen werde, worin persönlich-überpersönliche Erfahrungen beschrieben werden.

Hier geht es zu meinem Blog

Und zweitens bedeutet es, dass ich mich für Gespräche zur Verfügung stelle. Immer wenn jemand Fragen hat über „mich“ in der Welt und die Welt in „mir“, freue ich mich, vor allem auch wenn diese Fragen erstmal noch beunruhigend vage sind. Diese Gespräche können telefonisch, digital oder auch live stattfinden.

Herzwerk 2.0 ist eine Initiative im Rahmen des Amares-Fördervereins „Natur-, Kunst-, Werkräume für Kinder e.V.“. Die Gespräche sind auf Spendenbasis möglich.

Jelle van der Meulen

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Vanda Perez-Bessone

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Wie verstehen wir Selbstorganisation?

Mit Selbsorganisation meinen wir das spielerische, lust- und verantwortungsvolle Tun aus der Initiative der Einzelnen heraus, in gegenseitiger Beratung. Tendenziell steht am Anfang eines jeden Prozesses das Ich und gegen Ende ein gestärktes Wir.

Gemeint ist hier kein vorgefertigtes Konzept, sondern eine lebendige und fehlerfreundliche Zusammenarbeit zwischen jungen und weniger jungen Menschen. Jenseits von strikter Rollentrennung. Und immer mit dem Anliegen, die Bedürfnisse aller Beteiligten zu erfüllen. Wir arbeiten (un)systematisch mit 2-3 „Methoden“ und haben paktisches „Handwerkzeug“ entwickelt. Die erfundenen und gefundenen Lösungen sind individuell, massgeschneidert und einmalig.
Es braucht keine

Unsere Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass Kooperatives Arbeiten in Selbstorganisation in kleinen Institutionen sinnvoll und möglich ist. Es fordert unseren mittelmäßig entwickelten Gemeinschaftssinn .
…und es trägt zu der Realisierung einer ziemlich großen Vision bei.

Selbstorganisation zeigt immer wieder -unabhängig davon wie groß der Kontext ist, in dem es praktiziert wird- wie wir eine Welt schaffen können, die gut für alle ist (Creating a World that Works for All – Sharif M. Abdullah). Es ist einer Art gelebte Utopie.
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Unterwegs zu einem nicht nur Kindergarten.

Kooperative Zusammenarbeit auf Initiativbasis hilft uns, ungewöhnliche , aufrichtige Lösungen und Wege zu finden.
Unsere Vision ist Kitas als Rahmen, als Quelle und als Baustein einer Kultur des Herzens zu gestalten. Wir sind unterwegs, Schritt für Schritt zu etwas , was keinen genauen Namen hat, was wir gerne eine Dorf-ähnliche Gemeinschaft oder einen Nicht-nur Kindergarten nennen wollen.

Die gute Nachricht ist: der Weg ist das Ziel.

Durch die bewusste Transformation von Elterninitiativen und Kitas in sonstiger Trägerschaft in eine selbstorganisierte Gemeinschaft, können wir aus den Steinen, die uns in den Weg gelegt werden, eine schöne Brücke bauen.

Selbstorganisiertes Arbeiten ist unabhängig von der Trägerform möglich

Elterninitiativen können sich als selbst-organisierte Kitas verstehen und entsprechend agieren oder in diesem Sinne entwickeln. Erfahrungsgemäss sind Eltern jedoch in deren doppelten Rolle (als „ArbeitgeberInnen“ und „Kundinnen“ ) gefangen oder überfordert, was mit zu wenig Kontinuität in der Führungsrolle einhergeht. Selbstorganisation ist alles andere als Laissez Fair. Es braucht Führung. Es braucht also „Haltung“ „Werkzeug“ und einen gesunden, klar definierten und beweglichen Rahmen , der von allen Beteiligten getragen wird.

Gemeinnützige Vereine wie wir, also sog. „Kitas in sonstiger Trägerschaft“, können auch einen Rahmen für Selbst-Organisation bieten. Diese Form ist in NRW allerdings durch die neue gesetzliche Bestimmungen in ihrer Existenz bedroht. Davon sind wir seit 1,5 Jahre betroffen und die Lage ist juristisch und finanziell immer noch unklar.

Ein breiterer Horizont und einen Blick über die Bildungslandschaft hinaus hilft, in dieser herausfordernden Lage eine Chance zu sehen. Zwischen der Kinderladenbewegung aus den 70er Jahren, der seit den 90er Jahren wachsenden Anzahl von Solawis und den revolutionären Errungenschaften der niederländischen Krankenpflegeorganisation Buurtzorg liegt eine Möglichkeit, die wir jeder Zeit im Kontext von Kindergärten ergreifen können.

Die Chance besteht darin, bekannte zivilgesellschaftliche Impulse aufzugreifen, an unsere Bedürfnisse und unseren Auftrag (frühkindliche Bildung, Erziehung und Betreuung) anzupassen, und dadurch neue Formen des Miteinanders zu erproben. Auch „alte“ Formen können in unsere Lage glücksbringend wirken, und zu „neuen“ Lösungen führen, die für alle beteiligten gut sind.

Wie tief- und wie weitreichend das Ergreifen von neue Organisationsformen wirken kann, sieht man am Beispiel der Kooperative Cecosesola aus Venezuela, die seit 40 Jahren überraschend effizient und kreativ unterwegs ist. Sowohl Cecosesola als Buurtzorg als auch die Solawis zeigen, dass eine Chance nicht von optimalen Ausgangsbedingungen abhängig ist. Die Kunst der Aufrichtigkeit besteht eher darin,- wie ein alte Weisheit besagt- aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, eine schöne Mauer zu bauen.

Hier können Sie unser Konzept als PDF herunterladen: Asinomás_einfach_so_compressed

Mitmachen?

Wir hoffen, dass diese Beschreibung als Appel und als Einladung wahrgenommen und ernstgenommen wird.

Wir hoffen, dass die Ideen die Neugierde weckt und Menschen in einen Austausch und Zusammenarbeit bringt. Wir sind bereit, sie in diesem Prozess zu begleiten. Wir bieten keine Organisationsberatung oder Supervision im üblichen Sinne. Wir verstehen uns eher als soziale Akteure oder Aktivisten und arbeiten auch nicht auf Honorar- sondern auf Spendenbasis.

Wir möchten uns mit Ihnen gemeinsam und offen darum bemühen, dass ein Kennenlernen, einen Austausch oder eine regelmässige Zusammenarbeit unabhängig von der finanziellen Lage von einzelnen Menschen oder Organisationen möglich wird.

Der Förderverein schätzt, dass Kosten von mindestes ca. 40 € die Stunde anfallen, um eine Beteiligung von einer von uns an Gesprächen, Seminaren und Prozessen zu ermöglichen. Wir vertrauen darauf, dass es für einige möglich sein wird, einen höheren Beitrag zu spenden oder sogar eine regelmässige Förderspende. Wichtig ist uns also ein freiwilliger Beitrag, nach eigener Einschätzung, orientiert an diesen zur Zeit noch geschätzten Mindestkosten. Parallel bemühen wir uns um Fördergelder bei Stiftungen und stattlichen Programmen im Sinne von Nachhaltigkeitsförderung und Förderung der Demokratie.